Ehe die Tür sich schließt: Kleine Träume verwirklichen

 

Kurz vor dem Masterabschluss. Das Wissen, dass sich mit diesem die Tür schließt, die Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten zu absolvieren. Noch einmal wechseln und ein weiteres Jahr später fertig werden, einen Kredit aufnehmen? Oder sind es doch alles nur Hirngespinste? Möchte ich wirklich die Ausbildung noch an das Studium anschließen? Eine kleine Geschichte der großen Träume und langen Umwege.

 

Kindheitsträume

Kindergärtner, Fußballer, Polizist, Lehrer, Tierarzt. Beim Stöbern durch alte Poesie-Alben vergangener Jahre las ich dies häufig. Was aus den Träumen und Menschen wohl geworden ist? In den letzten zwei Jahren habe ich ausgiebig meine eigenen früheren Wünsche mit den heutigen abgeglichen. Wie es dazu kam?

Ich wollte schon in relativ jungen Jahren Psychologin werden. Noch bevor ich überhaupt wusste, was das überhaupt genau bedeutet und wie sich der Beruf von dem des Psychologischen Psychotherapeuten unterscheidet. Das frühste datierte Zeugnis darüber stammt aus der 5. Klasse, als ich mit 10 Jahren folgendes schrieb:

was ich werden möchte

Und dieser Wunsch hielt ziemlich lange an. Bis er von der scheinbaren Realität eingeholt wurde.

 

Die Seifenblase platzt

Als ich 15 Jahre alt war, stellten einige Eltern ihre Berufe im Rahmen eines Projektes vor. Darunter auch eine Psychotherapeutin. Im Laufe des Abends erzählte sie von den Voraussetzungen, der Abiturnote und vor allem von den Kosten, die mit einer eigenen Praxis auf einen zukommen – round about 200.000 €, dazu noch die Gebühren für die Therapeutenausbildung, die sich an das Studium der Psychologie anschließt (je nach Fachrichtung und Institut ca. 30.000 €). Die Zahlen saßen.

Mir schienen diese Summen absolut utopisch – von Studienkrediten etc. hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch nie etwas gehört. Genauso wenig, von den alternativen Berufsausübungsmöglichkeiten ohne eigene Praxis. Mein Traum schien mir plötzlich unendlich fern zu sein. Das Abitur schaffte ich, aber es genügte nicht, um einen Studienplatz in Psychologie zu erlangen.

So suchte ich nach Alternativen und einem Weg vorerst die Heimat hinter mir zu lassen.

 

Neuorientierung – erstmal in Berlin bleiben

An einer bekannten Klinik in Berlin machte ich direkt nach dem Abitur ein dreimonatiges Vollzeitpraktikum auf der psychiatrischen Station. Eine tolle Erfahrung, da ich sehr nah mit den Menschen arbeiten konnte und viele prägende Einblicke in den Stationsalltag erhielt. Und nun? Studienplatz suchen, auch für andere Studienrichtungen – vorher arbeiten.

Wie ihr auch schon im Beitrag zu den Nebentätigkeiten lesen könnt, habe ich dann vorerst auf dem Weihnachtsmarkt gearbeitet und Engel verkauft. Ich schwebte in der Luft, auf meine Bewerbungen für Studienplätze erhielt ich nur negative Bescheide. Mit der Zeit sank auch die Hoffnung. Der selbstauferlegte Druck wuchs, irgendwas zu machen. Also begann ich parallel Bewerbungen für Ausbildungsplätze zu schreiben. Längst ging es nicht mehr um mein wirkliches Interesse, sondern nur noch darum, nicht noch mehr Zeit zu verschenken. Systemgastronomie, Sicherheitsfachkraft usw. usf.. Letztendlich trat ich die Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau in einem großen Elektronikunternehmen an.

Über zwei Monate schleppte ich mich jeden Tag zur Arbeit, im Hinterkopf den eigenen Anspruch, die Ausbildung durchziehen zu müssen. Ich fühlte mich maßlos kognitiv unterfordert. In dieser Zeit hatte meine beste Freundin ein schreckliches Los mit mir gezogen. Jeden Tag rief ich sie in der Pause an und nörgelte bzw. schilderte ihr verzweifelt, dass ich das Gefühl hatte einzugehen und mein Leben wegzuwerfen. Bis ich eines Tages den Mut fasste und kündigte. Eine große Erleichterung, auch wenn ich danach wieder in der Luft hing.

Viele weitere Nebenjobs folgten, bis ich bei meinem jetzigen landete und endlich spürte, was es hieß, sich bei einem Arbeitgeber wohlzufühlen. In dieser Zeit schrieb ich weiter Bewerbungen an Universitäten und erhielt weiterhin Absagen. Bis ich auf die Fernuniversität stieß.

 

Jahre an der Fernuniversität

Wieso ich nicht früher auf die Fernuni aufmerksam geworden bin, weiß ich heute nicht mehr. Plötzlich war ich zumindest Studentin. Und das mit meinem Traumfach. Die Flexibilität fand ich super, wusste ich damals schließlich noch nicht, ob ich überhaupt in Berlin bleiben wollte. Dass ich während meines Studiums keine klinischen Inhalte haben würde und auch nicht die Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten absolvieren könnte, war mir bei der Aufnahme bewusst. Aber damals lag der Fokus darauf, das Studium erst einmal zu beginnen – wechseln könnte ich im Verlauf ja immer noch.

Mit der Zeit gewöhnte ich mich sehr an meinen Status – keine festen Vorlesungszeiten, keine anderen Studenten, im eigenen Tempo lernen. Die Inhalte waren letztendlich gänzlich anders aufbereitet als ich dachte (hier zu meinen Erfahrungen mit der Fernuniversität und Anregungen zur Selbstorganisation für Fernuni-Studenten), aber ich kam meinem Ziel näher. Nur dem Wechsel nicht. In den ersten zwei Semestern versuchte ich es noch, bekam in Berlin jedoch nur Ablehnungen. Dann geriet es in den Hintergrund.

Und je mehr Semester vergingen, desto mehr fürchtete ich mich auch vor einer Umstellung. Während gleichzeitig in mir die Sicherheit wuchs, dass ich die mich eigentlich interessierenden Berufe nur mit der ans Studium anschließenden Ausbildung absolvieren könnte.

Kurz vor meinem Bachelorabschluss erkundigte ich mich bei den Universitäten nach den Aufnahmemodalitäten für den Master. Die Universitäten, an denen ein Zugang auch ohne klinische Module möglich gewesen wäre, hätten einen Wohnortswechsel mit sich gezogen.

In Berlin ging es nur an privaten Hochschulen, deren Profil mich nicht vollends überzeugte (und die Gebühren mich abschreckten). So begann ein ähnliches Muster wie damals bei meiner Ausbildungs-/Studienplatzsuche: Anstatt sich mit meinem wirklichen Ziel auseinanderzusetzen und nach Realisierungsmöglichkeiten zu suchen, arrangierte ich mich mit den Alternativen und schob die Entscheidung weiter auf.

 

Aufbruchsgedanken

Zumindest mein Pflichtpraktikum im Masterstudium wollte ich in einem Bereich absolvieren, der mich wirklich interessierte. Überraschenderweise erhielt ich dort auch tatsächlich einen Platz und verbrachte ein tolles halbes Jahr in der Einrichtung.

Erstmals hatte ich einen Bereich gefunden, in dem ich mir vorstellen konnte langfristig in Vollzeit zu arbeiten. Ich ging in meinen Aufgaben auf, hatte einen guten Austausch mit meinem Praktikumsanleiter und lernte neben der eigentlichen Arbeit auch viele neue Seiten an mir selbst kennen.

Schon nach relativ kurzer Zeit überdachte ich meine Studiensituation erneut. Noch zwei Semester und ich dürfte mich Psychologin nennen, hätte aber durch den Abschluss an der Fernuniversität kaum Aussichten auf eine Anstellung und vor allem langfristige ansprechende Perspektive, in meinem Wunschbereich zu arbeiten. Ich tauschte mich mit den Ansprechpartnern der Bundesverbände aus, recherchierte selbst, aber das Ergebnis blieb dasselbe: einzig ein Wechsel böte mir die Möglichkeit der späteren Therapeutenausbildung.

Bei der erneuten Hochschulsuche stieß ich letztendlich auf eine private, die den Master ganz frisch anbot. Die Kursbeschreibungen ließen mein Herz höher schlagen und auch die Studierendenanzahl sagte mir zu. Eigentlich war alles perfekt.

 

Die Zweifel

Und kurz vor der Bewerbung erwischten sie mich doch – die Zweifel. Vermutlich wären sie nicht entstanden, wenn es sich nicht um so eine große monatliche Summe an Studiengebühren gehandelt hätte. Aber diese betrugen mehr, als ich bislang überhaupt als Geldeingang hatte. Bafög erhielt ich nicht und ein Studienkredit lief auch schon seit Beginn des Bachelor-Studiums. War es mir das wirklich wert? War ich mir das selbst wert? Wollte ich wirklich mit so einem großen Berg Schulden ins Berufsleben starten? Ich rechnete viel hin und her, durchforstete Internetseiten und Anbieter verschiedener Kredite.

Letztendlich siegte mein Wille, etwas für mich zu tun. Ich wechselte das Blickfeld: Der Kredit diente schließlich nicht der Finanzierung einer neuen Küche oder dem Kauf eines Autos auf Pump, sondern als Investition in meine Bildung und damit auch in meine Zukunft. Ich beantragte zusätzlich den Bildungskredit und plünderte das Geld, das ich mir in den letzten Jahren zur Seite gelegt hatte. Haushalten konnte ich gut, die Finanzierung für das Studium würde ich schon stemmen, weitere Nebenjobs könnte ich notfalls ja auch noch annehmen. Auch der verzögerte Studienabschluss – mir konnten nicht alle Module anerkannt werden – würde in einigen Jahren keine Rolle mehr spielen. Lieber jetzt Einschränkungen und Verzögerungen in Kauf nehmen, als die nächsten 40 Jahre zu bedauern, den Schritt nicht gegangen zu sein. Was sollte schlimmstenfalls passieren?

 

Das erste Semester

Mitte Juli habe ich mein erstes Semester an der neuen Universität beendet. Heute denke ich, dass es vielleicht gar nicht nur die Kosten waren, die mich zögern ließen, sondern auch die Angst vor der Veränderung. Ich bin froh, dass ich mir die Chance gegeben habe, meinem Ziel näher zu kommen. Und wenn ich ehrlich zu mir bin, ist der Weg auf dem ich mich jetzt befinde, auch der, den ich mir schon seit jungen Jahren wünsche.

Die Umstellung an die neuen Gegebenheiten habe ich besser gemeistert als gedacht. Selbst die gefürchteten Vorträge waren gar nicht so schrecklich wie zuvor befürchtet. Und vor allem hatte ich die interessantesten Studieninhalte seit Aufnahme meines Studiums. Gewöhnungsbedürftig war es sich auf feste Uhrzeiten von Vorlesungen und Seminaren einzustellen, plötzlich nicht mehr im eigenen Tempo zu lernen. Dafür überwog aber schon von Beginn an die Freude über den größeren Praxisbezug, den Austausch und die Diskussionen sowie viele weitere Kleinigkeiten.

 

Ich bin froh noch durch die Tür geschlüpft zu sein, ehe sie sich vor mir verschlossen hat und freue mich auf das folgende Semester.

Frau Surreal Signatur


 

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