Gekommen um zu bleiben

Früher wollte ich immer wo anders sein, ich träumte vom Reisen oder vielleicht auch nur vom Verschwinden. Möglichst viel Flexibilität, mich nicht festzulegen auf einen bestimmten Ort, einen bestimmten Menschen, einen bestimmten Beruf. Generation „bindungsunfähig“.

 

Der nachfolgende Text wurde – mit dem Wunsch, anonym zu bleiben – von jemandem aus meinem nahem Umfeld verfasst. Dem Wunsch möchte ich natürlich gerne nachkommen und denke, dass die Aussage hinter diesem Beitrag trotzdem oder auch gerade deswegen Gehör findet… – Nina

 

Ich versuchte fortzulaufen ohne zu merken, dass ich nicht vor Unbekanntem, sondern vor mir selbst weglief. Wobei das vielleicht sogar damals dasselbe war.

Es bedurfte vieler Jahre und großer Anstrengungen, um dies nicht nur zu begreifen, sondern vor allem daran etwas zu verändern.

Ich hangelte mich von Nebenjob zu Nebenjob, begann eine Ausbildung, warf sie wieder hin, lernte neue Menschen kennen und verlor sie wieder aus den Augen. Ich dachte daran ans Ende der Welt zu gehen oder auch ins Nirwana. Meine Wohnung sah ich als Übergangslösung an und mein Leben als einzige Qual. Ich lebte für das Wochenende, weil das Feiern mir zumindest eine kurzzeitige Auszeit von meinem Kopf und den vielen Gedanken versprach.

Vor mehr als fünf Jahren trat ich eine Tätigkeit an, der ich bis heute nachgehe. Damals gelang dies nur, weil ich mir vorstellte, dass ich jederzeit kündigen könnte. Kurz darauf zog ich in eine neue Wohnung, keine WG, kein Wohnheim, sondern meine ersten wirklichen eigenen vier Wände. Und bestand vorher die Möglichkeit, sich durch Mitbewohner oder deren Besuch immer wieder ablenken zu lassen, musste ich mich nun zwangsweise mit mir selbst auseinandersetzen. Es passierte nicht von heute auf morgen, aber rückblickend tat mir dies gut. Ich begann ein Studium und lernte wieder neue Menschen kennen. Ich schmiss mich ins Nachtleben und umgab mich mit Menschen, die tief in ihrem Inneren vermutlich ebenso verzweifelte Geschöpfe waren, wie ich zu diesem Zeitpunkt. Aber es half, den Alltag zu meistern.

 

Veränderung braucht Zeit – ein langsamer Neubeginn

Vor mehreren Jahren merkte ich auf einem Festival plötzlich, dass ich dieses Leben so nicht mehr wollte. Ich erinnere mich, wie ich an diesem Abend die Klänge der Musik und Feiernden nur noch aus der Ferne wahrnahm und statt mich zu ihnen zu gesellen, an den Strand lief. Ich wählte die Nummer einer guten Freundin aus der Schulzeit und genoss das Rauschen des Meeres mit ihr. Daraufhin ging alles sehr schnell. Ich begann mich endgültig meiner selbst und den Dämonen die mich verfolgten, zu stellen. Erstmals ließ ich mich wieder auf eine Beziehung ein und ertrug die Gefühle, die für mich damit verbunden waren. Sich nicht nur freuen können über die Partnerschaft, sondern auch die Verlustängste, die plötzlich auftauchten, die ganzen Ambivalenzen meines Selbst. Und mit der Zeit wurde es gut. Richtig gut. Vielleicht auch, weil ich nicht mehr feiern ging, weil ich nicht mehr weg laufen musste, sondern einfach an mir arbeitete und gleichzeitig auch das Leben genießen konnte. Musste ich früher eigentlich so viel wie möglich außerhalb sein, schätzte ich plötzlich auch die Ruhe daheim.

Eine wirkliche Bindung, das Einlassen auf eine Partnerschaft in der vollen Konsequenz, bedurfte jedoch Zeit. Der Gedanke zusammen zu ziehen, erfreute und ängstigte mich gleichermaßen – die vielen Möglichkeiten des Scheiterns, Gründe, wieso wir sowieso keine Wohnung finden würden  usw..

Aber irgendwann wandelte sich auch dies, erst zögerlich und dann immer entschlossener. Ich ertappte mich, wie ich mir beim Anblick von jungen Familien vorstellte, wie es wäre, selbst eine zu haben. Nicht unbedingt mit einem Kind, aber als Paar eine eigene Familie darzustellen, die Ablösung von der Sicht „meine Familie sind meine Eltern und Geschwister“ hin zu „meine Familie ist meine Partnerschaft und meine Eltern/Geschwister“. Wie sich in mir eine kitschige Seite auftat, die eine Heirat auf einmal nicht nur unnötig, sondern auch als schön empfand. Das Leben mit dem Menschen an meiner Seite zu erleben, war wundervoll. Die Angst, die mir Nähe früher bereitete, wich der realen Freude über den gemeinsamen Alltag, die Gespräche, das Lachen, das Selbst sein. Den anderen zu entdecken, vom anderen entdeckt zu werden. Und auch noch nach Jahren Neues zu finden, gemeinsam zu lachen, durch Krisen zu gehen und wieder aufzustehen, Träume zu haben und die Entwicklungen an sich selbst, dem Partner und der Beziehung zu erleben. Eigene Schwächen und Stärken zu erkennen.

Mit dieser Entwicklung auf Beziehungsseite ging parallel das Gefühl einher, gerne verwurzelt zu sein. Ich genoss die Sicherheit, die mir mein Arbeitsplatz bot, die Vertrautheit der Menschen dort und mein Studium. Je länger ich in meiner Wohnung lebte, desto mehr baute sich ein wirkliches Heimatgefühl im Großstadtdschungel auf. Vielleicht mitbedingt durch die Straße, die so schön grün und ruhig ist, dass jeglicher Lärm – abgesehen von Nachbarn – abgeschirmt ist und man doch nur ein paar Straßen weiter laufen muss, um im Trubel zu versinken.

Je mehr ich begann mich mit mir selbst wohlzufühlen, desto mehr funktionierte es auch in meinem Umfeld. Das Lösen aus destruktiven Bindungen und das intensivieren von positiven Beziehungen, bessere Klausurergebnisse und eine stabile Partnerschaft. Die ersten Flugreisen, die neues Selbstvertrauen brachten. Insgesamt war es schön festzustellen, nicht nur mit dem Partner das Leben zu genießen, sondern dies auch alleine zu können. „..Nicht du um der Liebe willen, sondern um deinetwillen die Liebe..“ – dieses Zitat von Erich Fried ging mir häufig durch den Kopf.

Der Gedanke fort zu gehen, schwand. Nicht, weil ich nichts mehr von der Welt entdecken wollte – im Gegenteil -, sondern weil ich zufrieden mit dem war, was ich aktuell hatte.

 

Die Gegenwart

In den letzten Monaten gibt es in meinem Umfeld viele Menschen, die sich damit beschäftigen, ihre Zelte abzubrechen und die Welt zu erkunden. Ich finde es toll, dass sie diesen Mut haben, ihre Träume in die Tat umzusetzen. Es ist schön, viele Fotos und Reiseberichte aus den verschiedenen Ecken der Welt zu lesen. Und doch merke ich dabei, dass dies nicht mehr mein Weg ist.

Ich möchte reisen und die Welt entdecken, aber ich brauche meinen Heimathafen. Und ich benötige Sicherheit, gegen die ich mich früher immer aufgelehnt habe. Noch kann ich nicht einschätzen, ob mir irgendwann 30 Tage Urlaub im Jahr genügen werden oder ob ich beruflich umdisponieren muss. Aber nach dem Abschluss meines Studiums sollte es möglich sein, frei zu wählen, ob ich mich für eine Festanstellung, eine freiberufliche Tätigkeit oder aber eine Kombination von beidem entscheiden werde. Noch immer möchte ich gerne einmal nach Afrika oder Südamerika – jedoch für eine begrenzte Zeit und mit dem Wissen, dass ich hier eine Wohnung habe, in die ich zurückkehren kann.

 

Schließe die Tür, lege eine andere Platte auf, räum dein Haus auf, schüttle den Staub aus. Höre auf zu sein, der du warst, und werde der, der du bist.
(aus „Der Zahir“ von Paulo Coelho)

 

Bis vor ein paar Monaten bin ich davon ausgegangen, dass meine Wünsche nach einer gemeinsamen Wohnung, einem gemeinsamen Heimathafen und das Betrachten der Partnerschaft als eigene kleine Familie, geteilt werden. Mittlerweile hat sich dies ein wenig verändert, aber auch wenn dieses Wissen im ersten Moment (und auch in den nächsten Wochen und Monaten) teilweise schwer zu verstehen und ertragen war, kann ich diesem Umstand auch viel Gutes abgewinnen. Ich habe in der Folgezeit erst wirklich gemerkt, dass ich mir mit den Jahren bewusst geworden bin, was ich von meinem Leben erwarte, welche Wünsche ich habe und ich diese auch gelernt habe zu äußern. Und vor allem, dass ich endlich weiß, wie es sich anfühlte angekommen zu sein.

Es wird eine spannende Zeit für die Partnerschaft. Ob und wie stark sich die Zukunftswünsche von uns unterscheiden, ob wir genügend gemeinsame Ziele haben und ob sich nicht doch auch auf Anhieb unvereinbare Lebensentwürfe als kompatibel erweisen, werden die nächsten Jahre zeigen.

 

Während viele nach der Freiheit streben, ohne festen Arbeitsplatz und Wohnort die Welt zu erkunden und ein unabhängiges Leben zu führen, habe ich für mich festgestellt, dass es bei mir beinahe das Gegenteil ist. Nein, es ist nicht so, dass ich meine gewohnte Umgebung nicht mehr verlassen, nichts Neues mehr entdecken möchte und mir einen Stillstand wünsche. Ich hatte mein gesamtes Leben das Gefühl, dass ich rastlos bin, sodass ich nun das Gefühl genieße, zu wissen, dass ich mich an einem Ort wohlfühlen kann. Dass ich reise, mich aber auch wieder freue in meine Wohnung zurückzukehren.

Ob ich rückschrittlich bin, weil ich die Möglichkeiten, die sich durch die Vernetzung, die Digitalisierung der Arbeitswelt bieten, nicht alle nutzen möchte? Ob ich spießig wirke, weil es für mich eine schöne Vorstellung ist, eines Tages mit meiner eigenen Familie unterm Weihnachtsbaum zu sitzen und Besuch von anderen Familienmitgliedern zu bekommen? Mag sein. Solange ich für mich das Gefühl habe, dass es das Richtige ist, ist dies nämlich auch unbedeutend.

Für mich bedeutet auch das Ankommen Entwicklung.

 

Ob nun am gewohnten Wohnort oder in neuen Gefilden – wichtig ist nur, dass sich etwas entwickelt und wir für uns selbst das Gefühl haben, dass dies in die richtige Richtung geht.


 

Das könnte Dich auch interessieren...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.