Nebentätigkeiten I: Erfahrungsschatzkiste

Viele von uns sind oder waren in ihrem Leben bereits auf Nebentätigkeiten angewiesen. Heute öffne ich für euch meine Anekdoten-Schatzkiste und berichte über einige meiner Erlebnisse. Es warten u.a. Geschichten von kostümierten Auftritten, großen Konzerten und schwierigen Telefongesprächen auf euch.

 

Von Drachen und Hühnern

Frische 15 Jahre alt und das Taschengeld war wieder einmal knapp. Vor mittlerweile einem Jahrzehnt begab ich mich damals erstmals auf die Suche nach Nebenverdiensten im Internet. Dabei stieß ich auf den doch sehr verlockenden Stundensatz von 12€ – irgendetwas mit einer Kostümpromotion. Das konnte so schlecht nicht sein – so dass ich am Aktionstag 5 Stunden durch eine große Halle lief, in der eine Schulranzenmesse stattfand. Die Halle war sehr gut geheizt – diejenigen, die schon einmal als Walking Act unterwegs waren, wissen schon aus Erfahrung, dass es sich unterhalb des Kostüms zusätzlich gefühlte 30°C wärmer anfühlt. Aber mein verschwitztes Gesicht ließ sich durch das Kostüm glücklicherweise nicht erkennen. Die Herausforderung zu meistern, mit einer juckenden Nase die Zeit zu überstehen (mit großen Drachenhänden kommt man nicht so leicht unter den Drachenkopf), ist mir gelungen. Und auch die vielen kleinen Kinder, die mal schüchtern an mich herantraten oder aber auch viel Spaß daran hatten, von hinten an meinem Drachenschwanz zu ziehen, waren gut zu verkraften (auch wenn ich mir zwischenzeitlich wünschte, Feuer speien zu können, um ein wenig mehr Respekt zu erhalten).

Einige Zeit später wurde für ein Buch mit Hühnern erneut ein Walking Act gesucht. Also griff ich auch hier zu. Ich tingelte dafür in die Nachbarstadt – was mir bei dem Kostüm auch ganz recht war, und verteilte unter einem riesigen Hühnerkostüm Gummibärchen und sonstige Samplingartikel an die Passanten. Diese zwei Einsätze waren im Freien – daher auch um einiges angenehmer zu ertragen. Dank des Ganzkörperkostüms blieb zumindest auf den vielen Fotos von Passanten meine Anonymität gewahrt. Einzig beim zweiten Einsatz enttarnten mich meine Eltern, die sich den Spaß nicht nehmen ließen, an dem Geschäft vorbeizulaufen, vor dem ich arbeitete. Dass ich mir daheim noch viel Gegacker anhören konnte, geriet durch die wirklich gute Bezahlung in den Hintergrund.

 

Bei Eis- und Sturm Zeitschriften verteilen

Abonnierte Zeitschriften an die Kunden ausliefern. Klingt gar nicht so schlecht, verlief für mich jedoch so. Vielleicht hatten die Zeitschriften und ich auch einfach einen unguten Start. Am Abend vor der Auslieferung erhielt ich eine große weiße Box, in der sich viele verschiedene Zeitschriften befanden, die von Menschen in meinem Umkreis abonniert wurden. Die jeweiligen Zeitschriften mussten nun von mir mit den dazugehörigen Adressaufkleber versehen werden. Anhand der Adressen überlegte ich mir im nächsten Schritt, welche Route am besten zu wählen sei. An meinem ersten Arbeitstag war Glatteis und es regnete – die Zeitschriften wurden erst einmal wasserdicht irgendwie verpackt und los ging es. Schon bei der zweiten Wohnung verflog mein anfänglicher Enthusiasmus. Als ich die Stufen zu einem Reihenhaus hinauflief, rutschte ich aus und zerriss mir meine Lieblingsjeans. Bei den nächsten Malen begleitete mich glücklicherweise eine Freundin, das machte die Sache schon ein bisschen erträglicher, vor allem aufgrund der verbesserten Wetterlage. Insgesamt jedoch viel Aufwand für eine ziemlich geringe Entlohnung – nach nicht einmal zwei Monaten beendete ich die Tätigkeit wieder.

Mittlerweile liegen meine Erfahrungen schon über ein Jahrzehnt zurück. Vielleicht hat sich – auch wenn ich es mir kaum vorstellen kann – mittlerweile grundlegend etwas an der Bezahlung geändert. Sollte dem nicht so sein, gibt es wirklich bessere Methoden um Geld zu verdienen, wenn man über wenig Zeit verfügt und auf jeden einzelnen Cent angewiesen ist. Vor allem solche, die nicht bei Wind und Wetter Ausflüge erzwingen.

 

Als Ordner und Kundenzähler unterwegs

Ich verbrachte die Zeit vor den Abiturprüfungen und dem Verlassen meines Heimatortes mit einigen Einsätzen für eine Security-Firma. Das Geld kann definitiv nicht der entscheidende Grund gewesen sein – dafür verdiente man bei Weitem zu wenig. Wahrscheinlich war es vielmehr die Abenteuerlust, die Ablenkung von dem Ende der Schulzeit und der Einblick in eine andere Welt. Ehrlich gesagt habe ich damals gar nicht gedacht, dass man mich einstellen würde. Ich war noch nicht einmal volljährig und hatte auch keine unbedingt imposante Erscheinung. In einem Gewerbegebiet ein paar Städte entfernt lag der Firmensitz. Dem Klischee entsprechend war das Büro quasi eine Boxhalle und mich begrüßten die Staffordshire-Terrier schon an der Tür. Das Ehepaar war jedoch so cool, dass ich mich freute, in den nächsten Monaten ein bisschen Abwechslung erleben zu können.

Zu den Einsätzen musste ich jeweils 1,5h Stunden zum Gewerbehof anreisen, um im Anschluss von dort mit den anderen per Bulli jeweils zwischen 150 – 450km zum Zielort gefahren zu werden. Vor Ort angekommen, ging ich dann ganz unterschiedlichen Aufgaben nach: Mal zählte ich Passanten in einem Einkaufszentrum, dann wieder sicherte ich bei Konzerten die Eingänge bzw. Notausgänge oder wurde bei Sportevents an der Einlasskontrolle eingesetzt. Es waren spannende und auch erschöpfende Tage, aber ich erhielt viele Einblicke in eine Welt, die mich faszinierte und gleichzeitig auch ziemlich desillusionierte. Meine ziemlich naive Frage an meine festangestellten Kollegen, wie sie beispielsweise 24h-Schichten bei großen namhaften Festivals sowie weitere Arbeitsbelastungen bewältigten, mündete in dem Hervorkramen einiger Drogen. Wie man sich diese bei dem so geringen Lohn leisten kann, wollte ich nicht mehr erfahren. Die Anreise- bzw. Fahrtkosten zu unseren Einsatzorten wurden nämlich nicht vergütet. So war ich mehrfach über 15 Stunden unterwegs, für die ich 8 Stunden ausgezahlt bekam. Und selbst das Geld für die 8 Stunden erhielt ich in anderen Nebenjobs in der Hälfte der Zeit. Als mein Fahrer mit über 200km/h, Zigarette in der Hand und Handy am Ohr aufgebracht über die Autobahn donnerte und mir meine Kollegin parallel berichtete, dass sie an diesem Tage in der Ausstrahlung einer bekannten Sat1-Talkshow zu einem Thema à la „Ich hab dich so oft betrogen – heute klär ich, ob du überhaupt der Vater meines Kindes bist“ zu sehen sei, gestand ich mir ein, dass ich eine Pause benötigte. Es sollte auch insgesamt mein letzter Arbeitstag für dieses Unternehmen werden.

Die Arbeit an sich hat mir sehr gut gefallen, auch wenn sie zwischenzeitlich ein wenig öde war, aber ich lernte die kleinen Gesten zu schätzen: bei der Kaufhauszählung kam irgendwann ein Mann mit seinem kleinen Sohn vorbei und brachte mir ein Eis, bei der Einlasskontrolle hatte ich nette Unterhaltungen mit Menschen, von denen ich anschließend erfuhr, dass sie ziemlich bekannte Schauspieler und Musiker seien. Aber am Eindrücklichsten ist mir die Begegnung bei einer Ordnertätigkeit bei einem großen Konzert im Kopf. Die Band, die ich selbst ziemlich toll fand und die sicherlich auch unsere Eltern gerne gesehen hätte, hatte einen Gig in Düsseldorf. Nach der langen Fahrt wurden wir unseren Standorten zugewiesen. Mein Pech an diesem Tag war, dass meine ehrenwerte Aufgabe nach der Einlasskontrolle darin bestand, vor dem Tor eines Sportplatzes zu stehen. Alleine. Das Wetter war toll, aber die Kollegen weit verteilt und der Sinn erschloss sich weder mir noch den anderen. Nebenan parkten die Tourbusse. Und während ich meine Zeit abstand, kam ein junger Mann auf mich zugelaufen, der sich als Fahrer der Busse zu erkennen gab. Wir hatten eine tolle Unterhaltung und ich erfuhr viel von dem Leben auf Tour. Später kam er mit frischen Erdbeeren und Getränken wieder, so dass die Zeit relativ schnell verging. Ich glaube, dass ich es auch ihm verdanke, dass ich kurz vor Ende des Konzertes noch meinen Platz wechseln konnte. Meine Lieblingssongs live in der ersten Hallo zu erleben, hatte schon etwas. Mit dem Fahrer blieb ich noch einige Zeit in Kontakt und wir trafen uns des Öfteren im Vorfeld zu Konzerten, wenn er in Berlin war.

Die Erfahrungen mit der Security-Firma sind sicherlich nicht zu verallgemeinern. Das Gehalt wird bei anderen Dienstleistern gewiss etwas höher sein – insgesamt kann man mit dieser Art von Arbeit jedoch bestimmt nicht reich werden. Zumindest nicht finanziell. Für interessante Erfahrungen, den Bonus, teilweise kostenlos auf Konzerte zu kommen bzw. diese zumindest aus der Ferne miterleben zu könne sowie teilweise auch die eigenen Grenzen der Kraft zu spüren, lohnt es sich dennoch.

 

Engel zu Weihnachten

Mein erstes Jahr in der Großstadt, das Praktikum beendet, das nächste Ziel noch nicht greifbar und das Bedürfnis, eigenes Geld verdienen zu wollen. So zögerte ich nur kurz, als ich die Anzeige entdeckte, in welcher für den Weihnachtsmarkt noch Verkäufer für handgeschnitzte Engel gesucht wurden. Dank des langen Weihnachtsmarktes – von November bis Anfang Januar – versprach ich mir davon gutes Geld. In einem kleinen 3-er Team waren wir nun also für die Betreuung und den Verkauf der Engel zuständig. Wir arbeiteten in zwei Schichten und waren zumeist alleine in unserer Bude. Der Aufbau des Standes war spannend, das Auspacken der Kisten, das Anrichten wie auf den Bildvorlagen ebenso, aber auch der erste Kampf mit den Luken des Standes, die sich nicht öffnen lassen wollten. Ein ziemlich lässiger Job im Vergleich zu den Verkäufern an den Essens- oder Getränkeständen. Teilweise gab es natürlich auch einen großen Andrang, aber insgesamt verteilte sich der Besuchersturm recht gut. Die Produkte waren ein wenig kitschig, aber irgendwie auch absurd cool. Wir schlossen Bekanntschaft mit den gegenüberliegenden Ständen, Alpaka-Felle und Porzellan. Die war auch ziemlich wichtig, da ohne die Kooperation der Gang zur Toilette bzw. zum Punsch-holen schwerlich möglich gewesen wäre. Mit der Zeit wurden wir ein eingeschworenes Team, mal brachte der eine etwas Warmes zu trinken mit, dann organisierte der andere etwas zu essen. Und ich bekam irgendwann auch noch warme Schuh-Einlagen geschenkt. Leider konnten sie der klirrenden Kälte in diesem Jahr jedoch wenig entgegensetzen. Es war das Jahr des Glatteises und der zweistelligen Minusgrade. Auch der kleine Gas-Heizstrahler konnte in der Holzhütte nicht viel ausrichten – sofern er denn überhaupt ging. Im Regelfall tat er dies glücklicherweise, sodass ich versuchte, mich möglichst nah bei ihm aufzuhalten. Dicke Schuhe, zwei Paar-Socken. All dies half den Füßen leider herrlich wenig, da sich sowohl die Kälte als auch die Nässe ihren Weg ungeniert bahnten. Unsere Kollegin steuerte noch eine Wolldecke und einen Wasserkocher bei, die uns zusätzlich Wärme spenden sollten. Dass unsere Empfindungen der Kälte nicht nur subjektiver Natur waren, stellten wir spätestens fest, als jemand vergaß, sein Heißgetränk zu trinken und es nach einer Stunde zugefroren war. Aber die dicke Kleidung hatte auch Vorteile, der größte lag in der Möglichkeit des diskreten Anbringens eines Headsets zwischen Schal und Mütze. Dank einer guten Freundin und ihrer Flatrate, wurde so zumindest die Zeit, in der sich nicht so viele Besucher blicken ließen, ein wenig abwechslungsreicher. Auf dem Weihnachtsmarkt, auf dem ich arbeitete, verkehrten hauptsächlich Touristen, so dass ich zudem meine Fremdsprachenkenntnisse ordentlich aufpolieren konnte. Nach der Hälfte unserer Einsatzzeit fiel unsere Teamleiterin aus – ich weiß nicht mehr genau, ob es eine Lungenentzündung oder eine schwere Grippe war – zumindest packten wir uns nun noch dicker ein und versuchten uns vor dem eisigen Wind zu schützen. Da unser Stand sowohl vorne, als auch an einer Seite geöffnet war, gestaltete sich dies jedoch sehr schwierig. Abgesehen von der Kälte hat es mir aber Spaß bereitet. Wobei ich zugeben muss, dass ich seit dem Jahr mit anderen Augen und Ohren über den Weihnachtsmarkt laufe. Am quälendsten war die Musik – nein, nicht nur weil es sich um typische Weihnachtslieder handelte, sondern weil die Auswahl stark begrenzt war. Ich glaube es war eine Doppel-CD, auch wenn sich gefühlt schon jedes dritte Lied wiederholte. Gerade versuche ich mich krampfhaft daran, nicht im Kopf zu überschlagen, wie oft ich diese Playlist wohl gehört haben muss.

Da meine verbliebene Kollegin am Neujahrstag, der gleichzeitig auch den letzten Verkaufstag für uns darstellte, verhindert war (leider kam mir dieser Gedanke zu spät), war es an mir, mich um das Schließen des Standes, das Verpacken der übrig gebliebenen Ware usw. zu kümmern. Die Bezahlung war für damalige Verhältnisse auf jeden Fall okay und das Gefühl einen Monat darauf eine so große Summe auf dem Konto zu haben, war genial und entschädigte für das viele Frieren. Eine eindrücklichere Erinnerung als das Geld ist aber der Kopf eines Engels, der bis vor kurzem noch zur Deko meines Zimmers gehörte. Die großen Holzengel ließen sich in mehrere Teile zerlegen, was ein Ehepaar aus Italien auch vor Ort tat. Nur vergaßen sie dabei den Kopf an unserem Stand. Bis zu ihrer Abreise scheinen sie ihr Malheur nicht bemerkt zu haben und da ich es nicht über das Herz brachte, ihn nach dem Abschluss des Marktes zu entsorgen, kam er mit zur mir nach Hause. Bei seinem Anblick muss ich mir jedes Mal von neuem die Gesichter der beiden vorstellen, wie sie zurück in der Heimat beim Aufbau merkten, dass das wichtigste Stück fehlte.

Ob ich noch einmal auf einem Weihnachtsmarkt arbeiten würde? Ich bin mir unsicher. Die Erfahrung mit der Firma war topp, aber ein an der Seite geschlossener Stand sowie ein besserer Heizlüfter wären wohl die Prämisse für einen erneuten Einsatz. Für das Füllen des eigenen Kontos lohnte sich die Arbeit auf jeden Fall.

 

Taxi-Vermittlung

Bis zur Annahme eines Studien- oder Ausbildungsplatzes wollte und musste ich noch etwas Geld verdienen. Da kam mir der Zufall sehr entgegen. Als ich auf der Suche nach einem Taxi-Unternehmen war, stieß ich auf die Job-Anzeige. Es wurden Personen gesucht, die im Call Center für die Vermittlung von Taxi-Aufträgen bzw. Anfragen tätig seien. Mein Vorstellungsgespräch verlief gut, so dass ich dort tatsächlich begann. Eine interessante Arbeit, und eine spannende Erfahrung, wie das eigene Ohr sich im Laufe der Zeit verbessern kann. Anfangs war ich stark verwirrt, dass erfahrene Mitarbeiter die Anrufer aus einem großen vietnamesischen Einkaufszentrum so gut verstanden, während ich noch nicht einmal ansatzweise verstand, ob gerade Straßen, Personenzahl oder Wünsche genannt wurden. Mit der Zeit eignete ich mir aber auch die teilweise speziellen Aussprachen von diesen oder anderen Anrufern an. Es gelang mir schneller, Verknüpfungen zwischen einzelnen Straßenkreuzungen herzustellen und mich in das System einzufuchsen. Auch das Team zu beobachten und generell die Wahrnehmung der Arbeitsatmosphäre vor Ort waren spannend. Eine der netten Kolleginnen weihte mich in die Numerologie ein, während eine etwas schrullige ältere Frau konstant Kreuzworträtsel löste – sie war so routiniert, dass sie dies sogar während der Eingabe in das PC-Programm bei Anrufen fortführen konnte.  Mit den beiden hatte ich viel Freude und ich denke noch immer gerne an sie zurück. Der Umgang mit Kunden, die sich nach zwei Minuten vergewisserten, ob ihr Taxi tatsächlich unterwegs sei und Menschen, die die Einkaufsbestellung durchgaben oder aber ihr Handy verloren hatten, all dies wurde zur Routine. Ich hatte mir zuvor nicht vorstellen können, in einem Call-Center zu arbeiten, da ich es viel zu sehr mit Outbound verband (meine Bewerbungsgespräche und Einführungstage in diesem Bereich empfand ich als abschreckend). Dieser Job war eine schöne Zwischenlösung. Ich musste niemandem ein Produkt aufdrängen, sondern die Personen riefen an, weil sie etwas von mir bzw. dem Unternehmen wollten. Es gab für mich als Mini-Jobber einen festen Stundenlohn, Sonn-, Feiertags- und Nachtzuschlag. Was wollte ich damals mehr? Zudem begann ich im Frühling mit meinem Job, sodass es mir die Frühschichten ermöglichten, den Sonnenaufgang einmal beim Aufstehen und nicht nur beim zu Bett gehen zu erleben. Aber auch die Spät- und Nachtschichten waren interessant. Denn jede Schicht hat ihre eigenen speziellen Anrufer und für die lohnte es sich immer in einem kleinen stickigen Raum zu sitzen und auf ihr Klingeln zu warten. Hätte ich damals keine Zusage für einen Ausbildungsplatz erhalten, würde ich vielleicht noch heute die Anrufe anderer annehmen, wer weiß. Insgesamt kann ich dies als Nebentätigkeit empfehlen – zumindest bei ausreichender Stressresistenz.

 

Merchandiser

Auf diesen Job stieß ich durch Zufall auf einem Kleinanzeigenportal. Es wurden Merchandiser für ein großes Konzert gesucht. Um nicht die Katze im Sack zu kaufen und womöglich zwangsweise ein Tokio-Hotel Konzert erleben zu müssen, bediente ich erst einmal die Suchmaschine. Nach dem Ergebnis, bewarb ich mich sofort. Es handelte sich um ein Konzert, dass sehr schnell ausverkauft gewesen war, bei dem die Fans teilweise am Konzerttag vor dem Eingang campierten, um in die erste Reihe zu strömen und das auch ich gerne gesehen hätte. Teilen meiner Freunde war es gelungen, sich Karten zu organisieren bzw. ihnen war der Auftritt die Investition in die doch sehr teuren Konzertkarten wert gewesen. Als Merchandiser dort arbeiten? Ein Traum. In meiner Vorstellung war es mir zumindest möglich, ein wenig von der Musik zu hören und von der Atmosphäre aufzusaugen. Als ich vor Ort ankam, sah ich schon die Masse an Menschen, die auf den Einlass wartete. Ein eigenartiges Gefühl, selbst locker durch den Diensteingang schlendern zu können, während alle anderen noch vor dem Tor warteten. Wir bauten den Stand auf, ordneten die Ware an, machten uns mit den Preisen und der Kasse vertraut und liefen zur Bühne. Ein schöner Sommertag mit einem Open-Air-Konzert. Und zu diesem Zeitpunkt noch so beschaulich ruhig. Kaum vorzustellen, dass sich dies alsbald ändern sollte.

Als sich die Tore öffneten, war ich froh, kein Ordner zu sein. Die ersten Fans stürmten direkt zur Bühne, einige fielen auf dem Weg dorthin, weil sie über ihre eigenen Beine stolperten, kleine Rangeleien um ja in der ersten Reihe zu stehen. Und das alles viele Stunden ehe sich der Act überhaupt zeigte. Langsam begann es sich auch an unserem Stand zu füllen. Obwohl unser Team sich erst an diesem Tag kennengelernt hatte, klappte die Zusammenarbeit von Beginn an super. Der eine suchte die T-Shirts in den passenden Größen hinaus, der andere protokollierte oder bediente die Kasse. Die Poster wechselten ihre Besitzer, ebenso wie Anstecker oder CDs. Die Zeit verflog bei dem Trubel regelrecht. Als die Vorband begann, leerte es sich allmählich und als die Sängerin auftauchte, wurde es bei uns schlagartig leer. Mit der Erlaubnis unseres Chefs, konnten wir uns nun sogar in wechselnden Gruppen hinunter zum Konzert begeben. Und da einige des Teams kein Interesse daran hatten, konnte ich ca. 2/3 des Konzerts aus jeder beliebigen Position erleben – wir hatten die Bändchen, die uns Zutritt zu allen Bereichen boten. Einfach toll. Trotz der mehr als 20.000 Menschen, die an diesem Tag zum Konzert angereist waren, traf ich sowohl während des Konzertes als auch am Stand einige meiner Freunde. Nach Konzertende begann für uns die wirkliche Arbeit, nun ging alles doch drängelnder zu und bei nur einem Merchandise-Stand konzentrierte sich nun der Run auf uns. Anschließend erfolgte der Abbau, die Kräfte wichen langsam der Erschöpfung, aber zumindest hatte sich bis zum Feierabend der Andrang an der S-Bahn-Haltestelle gelegt. Zu Hause angekommen freute ich mich darüber, ein kostenloses Konzert erlebt zu haben und gleichzeitig mehr Geld zu haben, als andere für die Tickets ausgegeben hatten. Die Arbeit war insgesamt sehr angenehm und nur zu den Hochzeiten stressig. Seit dem bin ich leider nicht erneut auf Anzeigen dieser Art gestoßen. Aber ich würde jederzeit wieder diese Tätigkeit ausführen.

 

Zeitungen samplen  

Zeitungen gratis an Menschen verteilen und ihnen kein (Probe-)Abo aufdrängen? Das klingt super. Und gerade im Team sogar relativ spaßig. Vor großen Plätzen wie dem Alexanderplatz, dem Bahnhof Zoo oder dem Hauptbahnhof. Eine von den Anforderungen her simple Tätigkeit, die lediglich viel Freundlichkeit, ein offenes Auftreten und Gesprächigkeit erfordert. Und frühes Aufstehen. Meine Schichten begannen jeweils um 6 Uhr morgens, gingen dafür in der Regel aber auch nur 6 Stunden. Die meistfrequentierte Zeit an diesen Orten. Nach 2009 habe ich dieses Jahr erneut an mehreren Aktionen einer anderen Agentur teilgenommen. Die Höhe des Stundenlohns scheint in den Jahren konstant geblieben zu sein und ist branchenüblich ebenfalls in Ordnung. Die Tätigkeit lässt sich gut mit einem Studium oder/ und einem weiteren (Neben-)Job vereinbaren. Mir ist im Vergleich zu damals aufgefallen, dass die Menschen mittlerweile skeptischer geworden sind, selbst nach Versicherung, dass ich ihnen kein Abo aufzwängen werde (dafür haben wir gar kein Material), vertrauen sie oftmals nicht auf das Wort. Auch die Äußerung „Lügenpresse“ ist mir damals noch nicht begegnet. Mit der richtigen Haltetechnik der Zeitungen, ist es auch eine Tätigkeit, die körperlich nicht allzu anstrengend ist (sofern man lange stehen kann).

Ich habe bei meinen Nebentätigkeiten Wert darauf gelegt, dass ich mich selbst nicht verleugne. So wäre die Arbeit im Outbound sicher lukrativer gewesen, jedoch das Gefühl und auch den Druck zu haben, Abschlüsse zu erzielen, hätte mir gerade bei Personen, die selbst die Tragweite ihrer Entscheidung nicht überblicken können, moralische Probleme bereitet. Im Vergleich zur damaligen Zeit hat sich an dem Abschluss von Verträgen am Telefon glücklicherweise schon einiges geändert, die Schulungen hierzu, waren für mich dennoch nachhaltig prägend. Auch bei den Zeitungen habe ich darauf geachtet, dass ich keine kostenlosen Ausgaben von Verlagen verteile, die ich nicht selbst lesen würde bzw. gegen die ich eine extreme Antipathie aufgrund ihrer Berichterstattung hege.

Ich hoffe, dass ich euch mit meinen Erzählungen etwas zum Schmunzeln bringen konnte. Vielleicht habt ihr euch in einigen Erfahrungen auch selbst wiedergefunden oder mögt einige eurer Erlebnisse mit uns teilen?

In der nächsten Woche stelle ich euch ich im zweiten Teil einige Portale vor, auf denen ihr bei der Suche nach Nebentätigkeiten fündig werden könnt.

Frau Surreal Signatur


 

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1 Antwort

  1. 22. August 2016

    […] ihr auch schon im Beitrag zu den Nebentätigkeiten lesen könnt, habe ich dann vorerst auf dem Weihnachtsmarkt gearbeitet und Engel […]

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